Geschichte, eine andere – der Verlust, der gleiche

 

Ja, es war so super, der zweite Strich auf meinem SS Test. Genau was wir wollten, das war unser drittes Kind. Von Anfang an hatte ich ein ungutes Gefühl, weil zu viele Freunde hatten in unserem Umfeld ein Baby in den ersten zwölf SS Wochen verloren. Ich aber verlor meine Angst nach der 12. SS Woche, jetzt war alles gut. Es wurde Zeit mein Babybauch stolz zu zeigen und der Welt das Wunder zu verkünden. Unseren Jungs zu erklären, was da in meinem Bauch wuchs. Den Ultraschalltermin in der 18. SS Woche wollten wir als Familien-Event bestreiten und unseren Jungs Merlin (geb. Mai 2008) und Tristan (geb. Mai 2010) unser neues Familienmitglied zeigen. Sie staunten nicht schlecht was sie da sahen und auch ich, als ich den schockierten Gesichtsausdruck meiner mir so vertrauten Ärztin sah. „ Viel zu wenig Fruchtwasser“ murmelte sie „was ist denn das“. Mein Mann und die Jungs verliessen das Zimmer und mich mein Mut. Ihre Erklärung riss mir den Boden unter den Füssen weg. Doch sie beschwichtigte wieder ihre Aussage und schickte uns sofort nach Bern. Sie wusste, ich wusste und mein Mann glaubte noch! In Bern, wo meine Mutter nach ihrem Schlaganfall hospitalisiert war, trafen wir ein, erwartet von dem Spezialist, dem grossen Namen, was weder die Diagnose noch den Verlauf unseres Schicksal änderte. Der Schlag ins Gesicht, das tiefe schwarze Loch das auf uns zu raste, das Unfassbare. Das Leben, das Schicksal in seiner ganzen Härte, frontal, brutal. Voila!

Unser Baby hatte Zysten in seinen Nieren. Zu viele, zu grosse um eine Funktion deren zu zulassen. Die einzige Funktion der Nieren ab der 18. SS Woche ist Fruchtwasser zu bilden, was jetzt natürlich mit diesen Nieren nicht möglich war. So kam es, dass praktisch kein Fruchtwasser mehr vorhanden war. Was wiederum nötig ist, um die Lungen zu bilden und wachsen zu lassen. Und jetzt die Diagnose: Ausserhalb meines Körpers ist dieses, unser Baby nicht überlebensfähig.

Weil keine Lunge reifen konnte und selbst wenn, wären da ja noch die funktionsunfähigen Nieren. Da war es wieder das tiefe schwarze Loch, auf dem Ultraschall sichtbar gemacht als dunkle Flecken in den kleinen Nieren unseres süssen Babymädchens. Was nun, wie weiter, warum? Wir warteten ab, gingen jede Woche auf Bern, liessen Plazentapunktion, Blutkontrolle und Ultraschall über uns ergehen. Gaben nicht auf, dachten positiv, weinten trotzdem und wenn ich zurück denke, weiss ich nichts mehr von dieser Zeit, wie vom Nebel verschleiert. Wir haben nur noch existiert, nicht mehr gelebt, den Atem angehalten! Die Zeit änderte auch die Diagnose nicht. Unserer Solina ging es gut. Ein bisschen eng habe sie es, aber sie habe ganz sicher keine Schmerzen versicherte man uns. Sie könnte leben bis zu ihrer Geburt, dass könne auch bis zum Stichtag dem 30. Januar 2012 so sein. Dann würde sie nach der Geburt keine Luft kriegen und sterben. Man könnte Solina nicht beatmen da keine reife Lunge vorhanden sei. Solinas Schicksal war klar, eindeutig, unveränderbar sogar auf dem Ultraschall für uns sichtbar. Grausam, wie kann die Natur nur! Einfach so, kein genetischer Fehler, keine Vererbung oder sonstige Fehler von mir oder meinem Mann. Einfach so!

Mein Bauch wuchs, die Leute sprachen mich freudig und lächelnd auf meine Schwangerschaft an. Wir wussten nicht mehr weiter. Meine Einstellung zu meinem Baby änderte sich. Ich freute mich nicht mehr, auf nichts mehr, verlor den Bezug zu Solina. Was soll das, wie muss ich mich verhalten, sie ist meine Tochter! Wir wollten nicht und wir konnten nicht so weiter leben. Sinnlos und für uns nur wachsende Qual und Trauer wie mein Babybauch. Abbrechen sobald als möglich, beenden was sowieso zu Ende ist. Nicht noch schlimmer machen, wenn dies überhaupt noch geht.

Wieder zurück bei meiner Ärztin in Biel. Vorbesprechung für die Geburt, den Tod, die Hölle auf Erden, was auch immer, der Termin stand. Erlösung? Solinas oder unsere? Feigheit oder Mut zum Handeln? Ich unterschrieb am Tag meines Spital Eintritts das Todesurteil unserer Tochter! Unvorstellbare Qual oder ich nenne es auch Folter! Es wurde die Geburt eingeleitet. Ich dachte, ich verliere meinen Verstand. Jede Wehe ein Schritt näher dem Tod, nicht dem Leben. 6. September 2011 mitten in der Nacht kam sie zur Welt. So etwas kleines und perfektes, wunderschönes habe ich noch nie gesehen. Uns war nicht bewusst, dass Solina in ihrer ganzen Schönheit und Menschlichkeit auf uns traf. Ich weiss nicht was ich erwartet habe, aber nie werde ich dieses wunderschöne Gesicht, das unverkennbar unsere Tochter war, vergessen. Wir hielten Solina lange im Arm, wir weinten und verabschiedeten uns. Wir waren untröstlich, kaputt und vom Schicksal geknebelt. Ich blieb im Spital und nahm Unmengen an Beruhigungsmittel und schlief viel. Mein Mann traf es härter, er musste zurück ins Leben zu unseren Jungs die nichts wissend, lachend und fröhlich mit vielen Flausen im Kopf ihren Alltag genossen. Wir wollten ihnen noch nicht sagen was passiert ist, sie waren so unbeschwert und konnten mit ihren fast 2 und fast 4 Jahren noch nicht verstehen was da los war. Wir wollten warten bis wir einigermassen ohne Gefühlsausbrüche darüber reden konnten und auch auf komische Kinderfragen eine Antwort wussten. Ich musste noch eine Auskratzung über mich ergehen lassen und musste 4 Tage im Spital bleiben. Danach hiess es ausgespuckt aus der Hölle wieder zurück ins Leben. Lachend mit den Jungs und alle halbe Stunde weinend irgendwo versteckt im Zimmer am Tiefpunkt. Draussen unter unserem Lieblingsbaum brannten Kerzen, stand eine HelloKitty Puppe und waren viele Blumen um die Urne von Solina verteilt. Draussen in der Kälte! Nicht bei uns!

Vierzehn Tage lang war ich unendlich traurig und sah kein Licht, weinte viel und zweifelte am Leben. Ich beschloss Abschied zunehmen von Solina, das Leben wieder zu leben, aufzustehen und weiterzumachen! Einen Abends als ich allein war verabschiedete ich mich mit viel Alkohol, meiner Musik, vielen Tränen und auf meine Weise von Solina. Es gelang mir nicht, meine Tochter zu vergessen, nein das war auch nicht mein Ziel, aber mir ging es besser. Ich hatte die Situation akzeptiert, es ging Berg auf. Jetzt war ich bereit mit Merlin darüber zu reden, ihm zu erzählen was passiert war. Er nahm das sehr locker, denn was er nicht hatte, konnte er schlecht verlieren oder betrauern. So einfach ist das als Kind. Er meinte nur: Wenn Solina wieder gesund sei, könne sie ja vom Himmel wieder zurück zu uns kommen. Ein schöner Gedanke!

Nun stehe ich kurz vor der Geburt (Termin Ende August 2012) unseres dritten Sohnes, der Nervenkrieg bis zur 20. SS Woche war sehr schwierig, seine Nieren sind einwandfrei und wie wir hoffen alles andere auch. Wir freuen uns und sind sehr positiv eingestellt.

Solinas Asche haben mein Mann und ich mit einem Lichtkörper in den Himmel zu den Sternen geschickt.

We love you Solina!

Deborah und Roger Sutter