FOLGESCHWANGERSCHAFT

Schon wenige Tage nachdem unsere Noeline gestorben war, hatte man mir gesagt, dass ich ja wieder schwanger werden könnte. Für mich in der ersten Zeit kaum vorstellbar. Und doch kam der Wunsch schon bald. Völlig hin und her gerissen, voller Angst, dass sich alles wiederholt. Ein weiteres Kind verlieren? Hoffen, noch einmal ein Kind auf seinem Weg begleiten zu dürfen? Mit allem was dazu gehört? Ich hatte mich danach gesehnt noch einmal ein Baby stillen zu können – so gerne hätte ich Noeline an meiner Brust gehabt. Genau durch solche Gedanken hatte sich dann auch das schlechte Gewissen gemeldet. Man kann doch unsere Noeline nicht einfach ersetzen.

 

Genau diese Gefühle und Gedanken begleiteten dann auch die „Folgeschwangerschaft“. Wir hielten die Schwangerschaft ziemlich lange „geheim“ und teilten unsere Ängste nur mit ganz wenigen. Zwar freuten wir uns über den positiven Schwangerschaftstest, aber die Ängste waren grösser als je zuvor. Auf Grund unserer Geschichte hat man uns an einen Spezialisten im Inselspital überwiesen. Ich hatte gemischte Gefühle, denn ich wollte nicht zu einer „Nummer“ in einer Universitätsklinik werden und zusätzliche Untersuchungen machen lassen. Doch schon nach den ersten Terminen fühlten wir uns sehr gut aufgehoben im Inselspital und unsere Entscheidungen für oder auch gegen eine Untersuchung wurden immer ohne zu hinterfragen akzeptiert. Auch meine Ängste und Tränen hatten immer Platz und man hatte sich immer Zeit genommen für uns. Während der ganzen Schwangerschaft begleiteten uns die Ängste und zum Schluss nahmen sie eher noch zu. Da in unserem Fall bis heute niemandem klar ist warum, weshalb oder wann Noeline einen so massiven Blutverlust erlitten hat, gab es nichts und niemand der uns auch nur ein bisschen Sicherheit geben konnte. Diese Ungewissheit machte die Zeit der Schwangerschaft nicht einfach.

 

Der Spezialist hat uns dann zu einer Sectio geraten. Nach reichlichen Überlegungen kamen wir zudem Entschluss diese Verantwortung in die Hände der Ärzte zu geben und stimmten der Sectio zu.

 

Bis heute pflege ich den Kontakt zu anderen betroffenen Frauen und tat dies auch während der Schwangerschaft intensiv. Fast alle aus dem Rückbildungskurs waren wieder Schwanger und so versuchten wir uns gegenseitig zu stützen und auch immer wieder zu ermutigen.

 

Als wir dann am 05.06.13 einen gesunden Jungen in die Arme schliessen durften, waren wir einerseits überglücklich und zugleich traurig. Das schlechte Gewissen meldete sich auch zurück. Ich hätte doch einfach nur dankbar und überglücklich sein müssen. Doch so war es nicht. Einerseits war ich überglücklich unseren Ilias in den Armen zu halten und andererseits sehr traurig, dass Noeline nicht bei uns bleiben durfte. Das Personal im Inselspital war sehr verständnisvoll und unterstützte uns so gut sie konnten. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.

 

Es brauchte Wochen – Monate bis eine gewisse Ruhe einkehrte und ich wieder vertrauen konnte, dass es Ilias wirklich gut geht. Ich beobachtete ihn wie kein anderes unserer Kinder. Seine Geschwister hingegen genossen ihn vom ersten Moment an und holten alles nach worauf sie sich schon bei Noeline freuten. Ilias ist ein richtiger Sonnenschein und er hat seine Geschwister und uns Eltern im Griff J